Utopia revisited II

Lesen am Bildschirm wird als neuer Trend ausgerufen.

Was das Lesen längerer Texte am Bildschirm betrifft, bin ich Pessimist – und werde jetzt von Nachrichten überschwemmt, die überschwänglich das Lesen am Bildschirm propagieren.

Gut, in Japan ist vieles möglich – auch unterhaltsame Lektüre auf dem Handy. Das habe ich im ersten Teil dieses Beitrags beschrieben. Und jetzt hat in Japan eine Handy-Novelle den Spitzenplatz der Verkaufscharts erobert und die gedruckte Konkurrenz hinter sich gelassen.

Nun mischen aber auch die Giganten Amazon und Google mit – hier beruft sich AFP auf einen Bericht der New York Times . Sie wollen in das Geschäft mit elektronischen Büchern einsteigen: Amazon wird im Oktober ein tragbares Lesegerät namens kindle vorstellen, das mit dem Amazon-E-Buchladen verbunden ist. Google soll in Kürze in Zusammenarbeit mit mehreren Verlagen einen kostenpflichtigen Bücherdownload einrichten.

Diese Neuigkeiten erzeugen ein starkes Déja-Vu. Dem E-Book wurde bereits zur Jahrtausendwende eine goldene Zukunft vorausgesagt. Der mit 100 000 (!) Dollar dotierte eBook Award wurde im Jahr 2000 auf der Frankfurter Buchmesse verliehen – und exisitierte im Jahr 2002 bereits nicht mehr.

Die beiden Unternehmen haben für ihr Engagement sicher Gründe, möglich, dass es einen Markt dafür gibt: Das E-Book hat den Vorteil, dass man freie Wahl hat, jedes Buch steht einem – so die Utopie – jederzeit zur Verfügung. Auch der Preis wird eine Rolle spielen, denn E-Books werden günstiger sein als die gedruckten Ausgaben. Natürlich ist rein ergonomisch das Lesegerät komfortabler als ein herkömmlicher Bildschirm, trotzdem fällt es mir schwer, zu glauben, dass man damit auch lange Texte in Ruhe lesen kann. Und die Gefahr, dass man weiterklickt, bleibt, denn mit dem Lesegerät kindle kann man auch ins Internet.

Gut, dass es noch andere Stimmen gibt. Die nzz.ch fragt, was die moderne Literatur vom Lesen weiss und stellt eine Utopie von Franz Fühmann vor, der 1982 (!) in der Erzählung “Pavlos Papierbuch” auf eine reine digitale Lesewelt vorgreift:

“Mit poetischer Anschaulichkeit und medientheoretischer Präzision führt Fühmanns Text schon kurz nach der Erfindung des PC vor, welche Folgen das jeweilige Medium für den Akt des Lesens hat. Während man beim Buch in einen Denk- und Vorstellungsraum eintritt, legt der Bildschirm eine überfliegende Leseweise nahe, die einzelne Informationseinheiten aus dem Textfluss herauspickt, ohne ihre Position im Gesamttext verorten zu können. Beim Buch haben wir es immer mit einem bestimmten, abgeschlossenen Text zu tun, am Bildschirm liegt uns bloss ein Ausschnitt aus der gesamten digitalen Bibliothek vor Augen.”

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Ein Kommentar zu “Utopia revisited II”

  1. Utopia revisited IIa  on November 19th, 2007

    […] “kindle”. Dass das Lesen als Bildschirm als neuer Trend ausgerufen wird, hatte ich hier bereits besprochen. Nun möchte ich meiner Chronisten-Pflicht nachkommen und mitteilen, dass es […]


Kommentare