Über kurz oder lang

Cut, cut, cut!”. Das ist kein Satz vom Filmset, sondern die allgemeine Anweisung für das Überarbeiten von Web-Texten. “Keep it short”- also “fasse dich kurz” –  ist der wohl weit verbreitetste Ratschlag im Internet. Auch ich habe ihn in meinem Buch “Texten für das Internet” gegeben. Von diesem Chor übereinstimmender Stimmen hebt sich Amber Simmons Artikel “Reviving Anorexic Webwriting” ab, in dem sie den Aufruf zum “magersüchtigen” Schreiben im Netz in Frage stellt.

Und dafür bringt sie ein interessantes Argument ins Spiel: In ihren Augen stellt der Content die Verbindung zwischen Menschen her, die auch emotionale Dimensionen hat. Dem User beim Surfen reines Informationsbedürfnis zu unterstellen, greife zu kurz. Vielmehr sei er neben den Fakten auch an Leidenschaft, Flair und Atmosphäre interessiert.

Vermittlung als Qualitätsdimension
Ganz neu ist dieser Aspekt ist nicht. Er taucht schon seit längerem in den Diskussionen über journalistische Qualität auf. So hat Günther Rager in seinem Versuch, die Kriterien journalistischer Qualität zusammenzutragen und zu ordnen, die Dimension der “Vermittlung” geschaffen. Darunter versteht er das Herstellen einer Beziehung zwischen Journalisten und Lesern. Je besser dem Journalisten das gelingt, desto höher ist die Qualität des Textes in dieser Kategorie einzuschätzen. Dabei geht es nicht darum, den Leser zu einem gemütlichen Plausch einzuladen und Nettigkeiten auszutauschen, sondern um professionelle Fähigkeiten. Rager ist der Meinung, ein guter Journalist schreibe nicht darauf los, um einfach Informationen zu verbreiten. Vielmehr gehöre es genauso zu seinen Aufgaben, das Interesse des Lesers für bestimmte Themen zu wecken, indem er seine Artikel möglichst unterhaltsam, interaktiv und originell aufbereitet.

Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein Autor dafür Zeit und Platz braucht. Ein “magersüchtiger” Text, in dem alle Informationen verdichtet und stark strukturiert sind und aus dem alle überflüssigen oder – je nach Standpunkt – belebenden Wörter gestrichen sind, schafft keine entspannte Wohlfühlatmosphäre oder prickelnde Spannung. Und sonderlich viel Charme strahlen Gliederungspunkte und Aufzählungen sicher nicht aus. Um einen Gedanken entwickeln zu können und einen Leser zu überzeugen, müssen mehr und vielleicht auch längerere Sätze geschrieben werden. Eine Beziehung zwischen Autor und Leser entsteht nicht zwischen Tür und Angel.

1. Ist das der Abschied von der Kürze im Netz?
Nein, der Grundsatz der Kürze steht auf festem Grund. Die Aufmerksamkeitsspanne im Netz ist kurz, das Lesen eher mühevoll, deswegen braucht der User Texte, die er sehr schnell erfassen kann.

2.Werde ich das Kapitel in meinem Buch “Texten für das Internet” umschreiben?
Nein. Die größte Gefahr für die Qualität von Texten liegt immer noch daran, dass der Autor nicht zum Punkt kommt. Deswegen bleibt der Grundsatz “Keep it short” gültig.

3. Liegt die Lösung wie so oft in der Mitte?
Nein. Denn mit einem Text, der einfach ein paar Wörter mehr hat, wird weder das Informationsbedürfnis des User erfüllt noch automatisch eine Verbindung zu ihm hergestellt. 

Für mich sind die schnelle Information, gute Verständlichkeit und präzise Sprache immer noch herausragende Qualitätskriterien für Online-Texte, die am besten umgesetzt werden, wenn man sich den Ratschlag “keep it short” zu Herzen nimmt. Das gilt prinzipiell für alle Online-Texte, vor allem aber für Texte, die in erster Linie schnell informieren sollen.

Bei Texten, in denen der Aspekt der “Vermittlung” stärker im Vordergrund steht, muss der Online-Redakteur die Balance finden zwischen der Ausführlichkeit, die er braucht, um eine Beziehung herzustellen, und der Übersichtlichkeit, die das Medium fordert. Wählt der Online-Redakteur die richtigen Worte und den richtigen Tonfall in einem sehr kurzen Beitrag, so kann eine Beziehung zwischen Leser und Text entstehen. Eine andere Möglichkeit ist, einen langen Text in mehrere kleinere Teile aufzusplitten. Wege und Mittel gibt es einige. Sie zu finden ist die besondere Anforderung an die Professionalität und Kreativität des Online-Redakteurs!

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Ein Kommentar zu “Über kurz oder lang”

  1. Die wichtigsten Tipps für einen guten Online-Text | text-gold.de  on Juli 27th, 2009

    […] Über kurz oder lang […]


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