Zeitreise in den jetzt.de-Kosmos – ein Interview mit Dirk von Gehlen (Teil1)

Ich freue mich sehr, Ihnen ein ganz besonderes Adventsspecial auf text-gold anbieten zu können: Ein ausführliches Interview mit Dirk von Gehlen, Chefredakteur von jetzt.de – eine der aktivsten und erfolgreichsten Online-Communities für junge Menschen. Dirk von Gehlen spricht über Glaubwürdigkeit und journalistischen Kompetenzen und darüber, wie die Grenzen zwischen Usern und Redakteuren unscharf werden.

Für die Recherchen zum „Handbuch Online-Redaktion“  hatten wir 2002 zum ersten Mal mit Dirk von Gehlen gesprochen. Das war als „jetzt“, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, an einem Wendepunkt stand: Die Printausgabe wurde eingestellt – ab diesem Zeitpunkt musste das Onlineangebot jetzt.de, das es auch schon seit 1995 gab, seinen Weg alleine machen. Jetzt.de setzte schon immer ganz auf die Beteiligung der Leser – noch bevor das Mitmachnetz angesagt war. Und ist damit sehr erfolgreich: jetzt.de erhielt 2006 den Grimme Online Preis im Bereich Information – 2007 den Axel-Springer Sonderpreis „Internetjournalismus“.

Lesen Sie hier den 1. Teil des Interviews (Das Interview führte Adela Schneider)

text-gold.de: Wir haben vor sechs Jahren bereits ein Interview geführt. Bei der Vorbereitung zu diesem Gespräch habe ich es gelesen und bin überrascht, wie aktuell die dort angesprochenen Themen heute sind. Damals war User-generated Content eher eine diskutierte Randerscheinung – und gehört heute zum Alltag im Netz.

Hat sich in den letzten Jahren etwas verändert oder ist nur jetzt etwas alltäglicher geworden, was vorher ungewöhnlich war?

Dirk von Gehlen: Das, was damals das Besondere war, ist jetzt sehr viel normaler geworden. Es wäre aber falsch anzunehmen, aktive User-Beteiligung sei heute normal. Es wird sehr viel von User-generated Content gesprochen und davon, den Nutzer ernst zu nehmen. Trotzdem dominiert das klassische Modell, während sich dieses andere Modell, das den vernetzen Leser ernst nimmt, eher selten findet.

Die Leser ernst zu nehmen und in die redaktionelle Arbeit einzubinden ist ein wenig normaler geworden. Aber trotzdem wachsen nicht wahnsinnig viele Journalisten nach, die genau dieses Profil mitbringen.

In den Journalistenschulen stellt sich immer noch die Frage, ob die Betreuung von Leserkommentaren tatsächlich zur journalistischen Arbeit gehört.

text-gold: Wenn Sie sich Ihre Antworten von 2002 anschauen,  sehen Sie Unterschiede in der redaktionellen Ausrichtung?

Dirk von Gehlen: Ich bin etwas über den Punkt gestolpert, dass wir keine klassischen journalistischen Regeln bräuchten. Ich finde die klassischen Regeln gelten heute noch, aber ihre Auslegung und die Fokussierung ändern sich. Für eine eindimensionale Sicht auf den Journalismus halte ich die klassische journalistische Herangehensweise mit der Haltung: „Ich bin klüger als mein Leser und ich teile ihm etwas mit und mache den Leser auch etwas klüger.“ Heute kommt die klassische Gatekeeper-Funktion mit dem Fokus auf die Auswahlkompetenz stärker zum Tragen. Die Haltung zum Leser definiere ich eher mit dem Satz: „Ich kann dir einen Hinweis geben in einem unübersichtlichen Umfeld. Das halte ich aus deiner Perspektive für relevant.“

text-gold: Genau das machen Sie bei jetzt.de. Sie geben Redaktionsempfehlungen für die User.

Dirk von Gehlen: Ja, wir wählen jeden Tag aus der Süddeutschen Zeitung des Folgetages die unserer Meinung nach relevantesten, spannendsten Texte für junge Leser aus. Ich halte die Auswahlleistung für grundlegend im Online-Journalismus.

Das zweite ist die Glaubwürdigkeit. Die Leute sind auf der Suche nach glaubwürdiger Information. Die Süddeutsche Zeitung ist eine verlässliche Quelle. Das hat auch für jüngere Leser einen hohen Wert. Einzelne Journalisten stehen für das Vertrauen und bündeln sozusagen Auswahlkompetenz und Glaubwürdigkeit. Ich halte beispielsweise Google-News durchaus nicht für ein schlechtes Angebot. Wenn ich aber jetzt wirklich wissen will, wie ist das jetzt mit Clinton und Obama, dann gehe ich auf die sueddeutsche.de. Denn da weiß ich, sie haben eigen Korrespondenten vor Ort, die direkt Informationen sammeln und an der Situation näher dran sind.

Die dritte wichtige journalistische Kompetenz ist meiner Meinung nach die Dialogfähigkeit. Dazu gehört auch z.B, Fehler einzugestehen. Glaubwürdigkeit entsteht sicher nicht dadurch, dass man so tut, als ob man per se klüger sei. Klüger ist es vielmehr, seine eigenen Schwächen nicht zu verbergen und vor allem den Entstehungsprozess des Produktes transparent zu halten.

Lesen Sie auch Teil 2, Teil 3 und Teil 4

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2 Kommentare zu “Zeitreise in den jetzt.de-Kosmos – ein Interview mit Dirk von Gehlen (Teil1)”

  1. Zeitreise in den jetzt.de-Kosmos - ein Interview mit Dirk von Gehlen (Teil 2)  on Dezember 9th, 2008

    […] (Fortsetzung – Lesen Sie Teil 1) […]

  2. Dirk von Gehlen - Chefredakteur von jetzt.de im Interview (Teil 3)  on Dezember 11th, 2008

    […] Sie auch Teil 1 und Teil […]


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