Zeitreise in den jetzt.de-Kosmos – ein Interview mit Dirk von Gehlen (Teil 2)

Jetzt.de hat Leser, die „mehr Fragen ans Leben haben als Antworten“. Das Verhältnis Redaktion-Leser bei jetzt.de ist schon immer besonders eng – ein Vorteil im Web 2.0? Wie sieht das Zusammenspiel im Redaktionsalltag aus?

(Fortsetzung – Lesen Sie Teil 1)

text-gold.de: Wenn man die Diskussionen verfolgt, bekommt man den Eindruck, dass Kommentare erwünscht sind. Trotzdem diskutieren Online-Redakteure eher selten mit ihren Lesern. Können Sie sich erklären, warum das bei vielen Online-Magazinen so ist?

Dirk von Gehlen: Ich habe da durchaus Verständnis. Userkommentare geben einem das Gefühl, dass ständig Leute ins Büro kommen, die einem sagen, was man besser machen kann. Das ist natürlich eine extreme Herausforderung, der man sich stellen muss. Das ist sicher nicht leicht. Aber wenn ich als Chefredakteur feststelle, dass meine Redakteure das nicht schaffen, ist es konsequenter die Kommentare ganz abzuschaffen, statt sie halbherzig weiter zu führen. In vielen Redaktionen fehlt Zeit, Geld und Mut den Dialog zu führen.

Dazu kommt: Einige Journalisten halten sich für klüger als ihre Leser. Und manche Userkommentare sind auch so dumm formuliert, dass viele Journalisten sich darin bestätigt sehen, dass ein Großteil der Leser nichts Vernünftiges zum Thema beitragen kann. Das ist ein selbstbestätigendes System. Es klappt nur, wenn man sich wirklich einlässt auf den Dialog. Selbst die schlimmsten Querulanten kann man einbinden, wenn auch Journalisten mit ihnen das Gespräch suchen – nicht nur Aushilfen oder Studenten, die das Community-Management machen.

Bei jetzt.de gibt es keinen Graben zwischen Redakteuren und Lesern. Selbst wenn man inhaltlich unterschiedlicher Meinung ist, ist man doch auf der gleichen Plattform. Werden Übereinkünfte über Sprache, Stil und Etiketten gemeinsam getroffen, dann sind die Leser mit dabei, wenn es darum geht einzelne Anstandsregeln durchzusetzen. Die User verteidigen den Kosmos mit der gleichen Verve wie die Redaktion. So entsteht eine Atmosphäre, in der die Leser daran beteiligt sind, dass diese Community funktioniert. Ich kann nicht sagen, ich gründe jetzt eine Community. Das ist nichts, was man von oben bestimmen kann – das funktioniert nur im Dialog und auf Augenhöhe.

text-gold.de: Wie ist bei Ihnen die Community-Betreuung organisiert?

Dirk von Gehlen: Wir haben einen Community-Manager, der die Community intensiv betreut. Aber die Redakteure sind in einem großen Anteil ihrer Arbeitskraft auch Community-Manager selbst. Das liegt so bei 15%. In unserer Redaktion ist es selbstverständlich, die Kommentare unter den Texten zu lesen und auch zu antworten. Oder selbst Texte zu kommentieren. So entstehen persönliche Dialoge.

Wenn ich morgens hier reinkomme, habe ich mindestens 10 sogenannte Jetzt-Botschaften. Das sind Botschaften, die in der Community unter den Kontakten verschickt werden. Solche Botschaften zu beantworten, ist keine klassische journalistische Tätigkeit. Sie gehört aber ganz klar zu den Aufgaben eines Online-Journalisten, der in einer community-orientierten Nachrichtenseite arbeitet. Wer eine solche Seite haben will, die auf einer Community basiert, der muss auch dafür sorgen, dass der Journalist die Texte auch nach dem Erscheinen betreut.

text-gold.de: Bei jetzt.de schreiben User ja einen wesentlichen Teil der Inhalte mit. Verwischen Ihrer Ansicht nach die Grenzen zwischen Redakteur und User?

Dirk von Gehlen: Rein technisch und strukturell sind die Inhalte von Redaktion und User nicht unterschiedlich. Die User verwenden die gleiche Plattform wie die Redakteure, um ihren Content online zu stellen. Allerdings haben wir sie auf der Website getrennt. Das liegt mit der Übersichtlichkeit und mit dem schnellen Finden zusammen. Denn es gibt zwei unterschiedliche Nutzerinteressen bei der Lektüre. Das eine ist, dass man sich informieren will, dass man journalistische Texte lesen will. Hier ist man auf der Suche nach den Redaktionstexten. Das zweite ist, dass man Texte lesen will, die eher reflektierenden Charakter haben. Texte, die weniger in einem klassischen Nachrichtenumfeld, denn in einem Lebensumfeld spielen. Da haben die User-Texte ihren Schwerpunkt und ihre Stärke.

text-gold.de: Wie binden Sie Ihre Leser ein? Wie motivieren Sie sie zum Schreiben?

Dirk von Gehlen: Wir sagen unseren Nutzern nicht nur, du kannst bei uns schreiben. Wir sagen, du kannst bei uns schreiben und es lohnt sich auch, weil du bei uns Leser findest. Du kannst überall ein Blog aufstellen, aber bei uns hast du die Chance, dass ein Redakteur deine Texte liest und weiterempfiehlt. Diese Punkte machen den Unterschied.

Für uns ist dieses Vorgehen auch eine gute Art, Nachwuchs zu finden. Viele der Autoren machen bei uns ein Praktikum, werden freie Mitarbeiter oder Redakteure. Denn als Chefredakteur muss ich nicht einzelne Arbeitsproben bewerten, sondern kenne die Autoren schon länger, kann eine Entwicklung sehen und bekomme ein kompletteres Bild von ihnen.

text-gold.de: Wie können Sie die Qualität der Texte garantieren? Nicht alle User-Texte können gut sein. Wenn jetzt zu viele schlechte Texte auf einer Site sind, dann leidet ja die Qualität der Website, oder? Wie sieht ein solcher Selbstreinigungsprozess aus?

Dirk von Gehlen: Die Selbstreinigung funktioniert ziemlich gut. Im besten Fall werden diese Texte nicht gelesen. Manche Autoren hören dann auf, andere machen weiter. Das stört uns in der Redaktion auch nicht. Schritt 1: Wir beginnen damit, nur gute Texte auszuwählen. Schritt 2: Wir haben jetzt eine ziemlich stabile Community. Und diese schlechten Texte fallen gar nicht auf, weil man sie von der Startseite gar nicht erreichen kann. Deswegen haben wir – und das ist mehr als nur eine Web 2.0-Applikation – z.B. Label, die eine tatsächliche Steuerung mit übernehmen. Wir versuchen, nicht mehr schlechten Inhalt zu vermeiden, sondern guten Inhalt so zu präsentieren, dass der schlechte nicht mehr auffällt.

Lesen Sie auch Teil 1, Teil 3 und Teil 4

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3 Kommentare zu “Zeitreise in den jetzt.de-Kosmos – ein Interview mit Dirk von Gehlen (Teil 2)”

  1. Dirk von Gehlen - Chefredakteur von jetzt.de im Interview (Teil 3)  on Dezember 11th, 2008

    […] Lesen Sie auch Teil 1 und Teil 2. […]

  2. Zeitreise in den jetzt.de-Kosmos - ein Interview mit Dirk von Gehlen (Teil 4)  on Dezember 18th, 2008

    […] Sie auch Teil 1, Teil 2 und Teil […]


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