Warum ein Online-Redakteur für die Qualität der Web-Site unerlässlich ist

“A kind of freak cousin of publishing” – so nennt Pepi Ronalds die Webentwicklungs-Branche und unterstreicht die Rolle der (Online-) Redakteure bei der Entstehung und Betreuung von Web-Sites.

Der Titel dieses Artikels verspricht viel – “The Cure for Content-Delay Syndrome” und hält etwas ganz anderes. Pepi Ronalds – Geschäftsführerin der australischen Webdesign Agentur reactive – hat zwar nicht das Allheilmittel gegen das Phänomen verspätet abgegebener Texte gefunden, dafür hält sie ein aufschlussreiches Plädoyer für den Online-Redakteur. Und hat dabei ganz ähnliche Vorstellungen von seinen Aufgaben und Fähigkeiten wie ich sie habe. Und das, obwohl sie aus einem ganz anderen redaktionellen Kulturkreis kommt!

Kleiner Exkurs – Redaktionsarbeit in angelsächsischen Ländern

Als kurzer Einwurf zum Verständnis: In angelsächsischen Ländern ist die Redaktionsarbeit anders aufgeteilt als in Deutschland. Immer wieder wird unterstrichen, wie sehr sich die Tätigkeiten Schreiben bzw. Texten (writing) und Redigieren (editing) unterscheiden. Sie werden anders als in Deutschland sehr stark als getrennte Disziplinen wahrgenommen.

Daher haben sich auch unterschiedliche Berufsbilder entwickelt. Im Journalismus gibt es die “reporters“, die recherchieren und Artikel schreiben und die “editors“, die die “reporters” beauftragen, die Artikel überarbeiten, Überschriften schreiben, Themen entwickeln usw. In den Unternehmen gibt es statt der “reporter” den “copywriter”, der am ehesten dem deutschen Werbetexter entspricht.

Ein Problem? – Der Experte als Autor

Die Erfahrung vieler Web-Projekte hat Pepi Ronalds gezeigt, dass bei einer (Neu-)Konzeption die Inhalte der Web-Site oft ziemlich weit hinten stehen. Und das sowohl in zeitlicher Hinsicht – als auch in der Priorität. Um Geld für einen professionellen Texter zu sparen, wollen einige Kunden den Content selbst schreiben.

In meinem Berateralltag hat dieser Aspekt eine andere Nuance: In den Unternehmen gibt es viele Mitarbeiter, die fachlich sehr kompetent sind und deswegen den Content für die Web-Site und das Intranet direkt liefern sollen. In beiden Fällen sind die designierten Autoren für das Schreiben nicht ausgebildet. Kann das funktionieren? Pepi Ronalds sieht durchaus einige Vorteile für dieses Modell:

  • Der Kunde/Experte ist derjenige, der seinen Geschäftsbereich und seine Kunden am besten kennt.
  • Es besteht immer die Gefahr, dass ein externer Autor den Ton nicht genau trifft oder die Details nicht genau wieder gibt.
  • Während des Informationsflusses vom Experten zum Autor kann es inhaltliche Reibungsverluste geben.
  • Das Briefing dauert auch seine Zeit – Zeit, in der gleich ein richtiger Text geschrieben werden kann.

Doch Ronalds stellt diesen Argumenten das Risiko gegenüber, schlechte oder überhaupt keine Inhalte geliefert zu bekommen. Die Texte allein den Experten/Kunden zu überlassen, kann die Qualität des Content durchaus mindern.

Ungeübte und nicht-geschulte Autoren produzieren im schlimmsten Fall Wörterflickenteppiche und neigen sehr dazu, deadlines nicht einzuhalten. Doch selbst wenn sie ganz gute Texte verfassen, fehlt ihnen doch häufig ein Gespür für sprachliche Nuancen. Mit Sicherheit leidet aber die Einheitlichkeit des Web-Auftrittes. Es ist viel schwerer, ein einheitliches Wording durchzusetzen oder an vorgegebenen Strukturen, Stil und Schreibweisen fest zu halten.

Die Lösung? – der Online-Redakteur

Die meisten Agenturen empfehlen, bei großen Projekten auf professionelle Texter zurück zu greifen. Doch, so Ronalds, eigentlich wäre ein “editor” hier angebracht. Und wenn sie jetzt beschreibt, was ein “editor” alles leisten kann, wird daraus ganz schnell eine Hymne auf den Online-Redakteur:

Der Online-Redakteur kann den Autor unterstützen und Projekte steuern

  • Im Vorfeld kann er den Ton der Web-Site genau definieren und Anleitungen und Werkzeuge, wie etwa einen Style Guide entwickeln. Damit bekommen die Autoren schon mal Starthilfe für ihre Arbeit.
  • Allein das Wissen, dass noch jemand Hand an einen Text anlegt, kann die Autoren ermuntern, einfach darauf loszuschreiben – statt zu lange über Textteilen zu brüten.
  • Eine Diskussion mit dem Editor über einen Artikel verhindert in vielen Fällen Schreibblockaden der Autoren.
  • Er formuliert genaue Arbeitsaufträge, zeigt Zwischenziele auf und gibt Zeitvorgaben.
  • Falls der Autor keine Zeit mehr hat, kann der Online-Redakteur Entwürfe in die richtige Form bringen.

Der Online-Redakteur ist ein Fachmann für das Schreiben im Web

  • Er ist in der Lage, Texte so zu überarbeiten, dass sie etwas aussagen, logisch aufgebaut und professionell sind.
  • Er hat im Blick, ob alle Titel, Bildunterschriften und Linkbennungen stimmen und von allen Usergruppen verstanden werden – noch bevor diese Textteile implementiert sind.
  • Er achtet darauf, dass die Seite übersichtlich aufgebaut ist, mit Zwischenüberschriften, Absätzen, Aufzählungen usw.
  • Er weiss, wie Suchmaschinen funktionieren und kann die Web-Sites entsprechend überarbeiten. Er berücksichtigt die Dichte der Schlüsselwörter im Text und achtet darauf, dass in Seitentitel und Artikelüberschrift die richtigen Schlüsselwörter erscheinen.
  • Er kennt sich aus mit den Ansprüchen der User an die Web-Site – Barrierefreiheit und usability.
  • Gleichzeitig ist er ein Sprachexperte, der Satzbau, Rechtschreibung und Grammatik genau kennt.

Ronalds fordert schon im frühen Stadium von Web-Projekten einen Editor einzubinden, um die Qualität des Content und damit der Web-Site zu verbessern. Gleichzeitig – und hier kommt sie auf den Titel zurück – vermeidet man so diese typischen Verzögerungen, die durch verspätet gelieferten Content entstehen.

Ganz meiner Meinung – eine Web-Site konzipieren und betreuen ohne Online-Redakteur? Unvorstellbar.

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2 Kommentare zu “Warum ein Online-Redakteur für die Qualität der Web-Site unerlässlich ist”

  1. Blog mit Online-Schreibtipps - Netzlogbuch  on Juni 16th, 2008

    [...] beschäftigt, findet man unter text-gold.de. Dort findet man interessante Beiträge zu Themen, wie Warum ein Online-Redakteur für die Qualität der Web-Site unerlässlich ist oder Das Schreckgespenst guter Texte im Internet, Intranet und [...]

  2. Kilroy Blog » Blog Archiv » Schreiben für’s Web  on August 22nd, 2008

    [...] Text-Gold: Warum ein Online-Redakteur für die Qualität der Web-Site unerlässlich ist [...]


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