„Quality rumours“

Das menschliche Gedächtnis ist kein verlässlicher Wissensspeicher für Qualitätsstandards. Auf Stilbücher sollten Sie nicht verzichten.


Eine Szene aus einem Online-Redaktionsbüro
:

Der neue Kollege:  ”Sagt mal, habt ihr festgelegt, wie ihr Zahlen schreibt?”

Kollege B. starrt auf den Bildschirm, schweigt und denkt: “Weiß doch jeder. Aber stimmt, hatten wir da nicht irgendwann mal was besprochen?”

Kollegin K: “Klar, auf einer Redaktionskonferenz haben wir uns geeinigt, Zahlen bis 12 auszuschreiben, für größere verwenden wir dann Ziffern.”

Der neue Kollege: “Ja, so habe ich es gemacht. Aber Kollege S hatte es mir angestrichen.”

Kollege S (kommt ins Büro, hat das Gespräch gehört): “Nein, nein wir haben hier im Büro mal darüber gesprochen. Und wir schreiben auch kleinere Zahlen als Ziffern, wenn wir es exakt meinen.”

“Quality rumour”
Für solchen Episoden habe ich das Etikett “quality rumour” geschaffen. Jeder Redakteur glaubt, die Qualitätsmaßstäbe zu kennen und sie richtig umzusetzen. Dazu kommt, dass die meisten überzeugt sind, dass es so und nicht anders abgesprochen war. Tatsächlich sind dann auf der Web-Site die unterschiedlichsten Schreibweisen vertreten.

Wie bei einem Gerücht, reicht der Wahrheitsgehalt der Aussagen von 0 bis 99%. Um die Qualitätskriterien zu erfüllen genügt es aber nicht , eine ungefähre Vorstellung von ihnen zu haben, sehr häufig sind gerade Details entscheidend.  ”Quality rumours” gehören zum Alltag in Online-Redaktionen und sind kein Ausweis von oberflächlich arbeitenden Redakteuren, denen Qualität und Einheitlichkeit egal ist. Sie entspringen vielmehr direkt der Funktionsweise des menschlichen Denkens.

Das Gedächtnis ist nicht zuverlässig
Lassen Sie mich kurz ausholen. Wie das menschliche Gedächtnis funktioniert, kann noch kein Wissenschaftlicher genau beantworten. Mehr Faktoren als bisher angenommen, sind daran beteiligt und beeinflussen die Gedächtnisleistung auf manchmal wirklich merkwürdige Art. Daniel L. Schacter hat das in seinen Büchern interessant beschrieben und gezeigt, dass unsere Erinnerungen nicht immer so verlässlich sind, wie wir glauben. Und dass das, wovon wir felsenfest überzeugt sind, nicht immer in der Realität verankert ist. 

Die Redakteure können sich an die Vereinbarung der Schreibweise von Zahlen nicht, falsch oder nur ungenau erinnern…

1) …weil die Vereinbarungen schon vor langer Zeit getroffen wurden. Erinnerungen verflüchtigen sich mit der Zeit.

2) …weil die Redakteure bei der entscheidenden Besprechung nicht besonders konzentriert waren. Unaufmerksame Verabeitung füht Erinnerungsfehlern.

3) …weil es ihnen gerade nicht einfällt – eine Blockade.

4) …weil sie ihre Erinnerung einer falschen Quelle zuschreiben. Woher man etwas weiß, ist aber ein wichtiger Aspekt, um die Zuverlässigkeit der Information einschätzen zu können.

5) …weil z.B. ein Kollege sehr selbstsicher etwas behauptet und damit die Informationen der anderen beeinflusst. Fragen oder Hinweise können Erinnerungen ziemlich leicht verändern.

6) …weil sie z.B. daran festhalten, was sie in der Ausbildung über die Schreibweise gelernt haben. Statt an die aktuellen Vereinbarungen halten sie sich an die alten Informationen, oft ohne es selbst zu bemerken. Erinnerungen sind sehr stark von Kenntnissen und Ansichten geprägt.

Diese Phänomen sind, wie Schacter in seinem Buch “Aussetzer. Wie wir vergessen und uns erinnern ” zeigt, keine Fehlleistungen des Gehirns oder Zeichen von nachlassender Gedächtnisleistung, sondern ganz normale Begleiterscheinungen des funktionierenden Systems. Da helfen weder Knoten in Taschentüchern noch Seminare für die Verbesserung der Gedächtnisleistung , wie sie jetzt überall angeboten werden. Sie müssen  immer damit rechnen, dass die Erinnerung ihre Qualitätsstandards gefährdet.

Schriftliche Fixierung ist unerlässlich
Die Gefahr verringert sich allerdings deutlich, wenn die Standards schriftlich vorliegen.  Meiner Meinung nach sind die Ergebnisse der Gedächtnisforschung ein einziges Plädoyer für eine schriftliche Fixierung aller wesentlichen Sachverhalte. Also: Schreiben Sie ihre Qualitätskriterien auf, je genauer desto besser. Ein Stilbuch oder ein Style Guide ist das beste Mittel gegen die Unwägbarkeiten des Gedächtnisses und setzt allen “quality rumours” ein Ende:

Der neue Kollege:  ”Sag mal, habt ihr festgelegt, wie ihr Zahlen schreibt?”
Alle (im Chor): “Ja klar, schau in unserm Style Guide nach!”

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