Utopia revisited

Bringt ein Trend in Japan neue Aspekte für das Lesen am Bildschirm?
Vorgestern als neuester Trend beschworen, gestern lächelnd abgetan und heute normal? Es geht um das Lesen am Bildschirm. Stephen King legte im Dezember 2000 sein Projekt auf Eis, ein Buch („The Plant“) kapitelweise nur im Internet zu veröffentlichen. Seinen Versuch Literatur im Netz zu etablieren, habe ich in meinem Buch „Texten für das Internet“ unterstellt, vor allem eine „(…) Drohgebärde in Richtung Verlagswesen(…)“ darzustellen. Es erschien mir zu absurd: Ein gemütlicher Abend, ein Notebook, ein Glas Rotwein und statt umblättern die „Bild-Runter“-Taste drücken.

Und was lese ich jetzt bei sueddeutsche.de? „Auf dem japanischen Markt ist es nicht mehr zu übersehen, das E-Buch ist da, und zwar massiv“. Japaner lesen also ganze Romane am Bildschirm! Allerdings nicht als gemütliche Abendlektüre auf dem Sofa, sondern eher unterwegs. Sie überbrücken Warte- oder lange Fahrtzeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln, indem sie sich Bücher auf ihr Handy herunterladen. Die Begeisterung für diese Art von Literatur scheint riesig zu sein, wie die hohen Zugriffszahlen der virtuellen Buchläden zeigen.

Hat sich meine Prognose, dass das gedruckte Buch niemals durch das E-Buch ersetzt werden wird als verfrühte Skepsis gegenüber einer technischen Neuerung herausgestellt? Ich hatte damals (und heute) einige wichtige Gründe, warum meiner Meinung nach das Lesen am Bildschirm sich vom Lesen gedruckter Seiten unterscheidet. Und ich bin immer noch der Meinung, dass kurze klare Texte eher und lieber gelesen werden, als lange Beschreibungen.

Und tatsächlich, wenn man genauer hinschaut, dann unterscheiden sich die Voraussetzungen für das Lesen in Japan von denen in Deutschland doch erheblich: Die Informationsdichte von Texten mit japanischen Schriftzeichen ist erheblich größer als die mit Buchstaben geschriebenen Texten. Das heißt, dass die Japaner nicht so häufig umblättern müssen und mehr Informationen auf das Display passen. Natürlich gehört dazu auch eine gehörige Portion Technikbegeisterung. Und vielleicht auch eine ganz neue Art zu schreiben? „Texten für das Handydisplay“ – ich sollte mir Gedanken für ein neues Buch machen…
Ach ja, Elfriede Jelinek veröffentlicht jetzt auch direkt im Netz – einen „Privatroman“ mit dem Titel „Neid“.

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Ein Kommentar zu “Utopia revisited”

  1. Neue Möglichkeiten des mobilen Internet – neue Ansprüche an Content-Verantwortliche  on Mai 6th, 2008

    […] Ganz gleich welches Angebot, sicher ist, dass der User auf seinem Handy-Display keine komplexen Web-Sites mit langen Texten, vielen Bildern und Hyperlinks möchte. (Vorausgesetzt bei den Usern handelt es sich nicht um begeisterte japanische Handyromanleserinnen, die ich im ersten Post dieses Blogs beschrieb) […]


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