Automatisierte News und die Debatte zur Zukunft der Zeitung

Muss jetzt die Politik ran, um den Journalismus zu retten? Die rot-grüne Landesregierung will dem Lokal- und Regionaljournalismus in Nordrheinwestfalen durch eine Stiftung aus der Patsche helfen. Ob das klappt? Tatsächlich wird seit längerer Zeit händeringend nach Abhilfe in der Verlags- und Zeitungskrise gesucht und über Ursachen und Zukunft der Zeitung diskutiert. Über seine Traumzeitung und Pommesbuden sinniert Daniel Bröckerhoff in dem Dossier „2020 – Die Zeitungsdebatte“ auf spiegel.de, präsentiert die interessantesten Ansätze des aktuellen Diskurses  und stellt fest, dass aktuelle Informationen so wertvoll sind, wie Salz und Pfeffer:

“ Man braucht sie, aber man bekommt sie im Hunderterpack gratis hinterhergeschmissen. Und genau soviel Geld kann man auch damit verdienen. Natürlich gibt es für den Gourmet handgeschöpftes Himalayasalz und seltene Biopfeffersorten aus ausgewählten Plantagen, für die viel Geld bezahlt wird. Aber die Mehrheit frisst das Müll-Salz für 69 Cent aus dem Discounter.“

Es klingt vielleicht gerade für qualitätsbewusste, handwerklich geprägten Journalisten befremdlich, aber ich sehe in der automatisierten News-Erstellung einen Weg, um den Qualitätsjournalismus zu stärken. Automatisierte Newserstellung wird gerade in den USA diskutiert – letzte Woche gab es eine Expertenrunde an der Columbia Journalism School zum Thema „Computational Storytelling and the Automated Prduction of News Stories from Data„. Ziel bei diesen neuen Verfahren ist es, aus strukturierten Daten lesbare und verständliche Texte zu generieren.

Einbindung automatisierter News-Erstellung in die redaktionelle Arbeit

Doch welche Einsatzmöglichkeiten bieten solche Verfahren und welchen Mehrwert können sie für die redaktionelle Arbeit bilden? Zunächst ein Blick auf den Status Quo: Was bestimmt die Routinen in den Redaktionen der Zeitungen und der Printausgaben? Investigative Recherche? Feilen an den Texten? Ständige Verbesserung der eigenen Kompetenzen durch Austausch oder Fortbildung? Wohl kaum. Realistischer ist es eher, dass die meisten Redakteure (zu lange) damit beschäftigt sind, die üblichen Nachrichtenquellen zu sichten und dann schnell ziemlich austauschbare Texte herunterzureißen.

Billigsalz aus der Manufaktur

Um beim Bild vom Salz zu bleiben: Da müssen qualifizierte Handwerker während eines großen Teiles ihres Arbeitstages Billigsalz produzieren! Das ist zum einen wirtschaftlicher Unsinn: Die Produktionkosten für das Salz sind viel zu hoch, denn niemand ist bereit für Billigalz viel Geld zu bezahlen. Zum anderen ist das auch auf personeller Seite kontraproduktiv: Wer zu viel langweilige Routinearbeiten unter Druck durchführen muss, wird im besten Fall frustriert, weil er seine Kompetenzen nicht einsetzen kann. Im schlechtesten Fall passt er seine Ansprüche seinen Routinen an und ist unter Umständen bald nicht mehr in der Lage hochwertiges Himalayasalz herszustellen.

These 1: Automatisierte Newserstellung kann die Redaktionen entlasten und rentabler machen

Was wäre also, wenn eine Maschine die Produktion des Billigsalzes übernehmen könnte, die sehr viel billiger produzieren könnte als ein menschlicher Journalist? Dann würden doch für die qualfizierten Handwerker zeitliche und finanzielle Ressourcen frei werden. Die Journalisten könnten sich darauf konzentrieren, das zu machen, was in der Debatte als ihre Kernkompetenzen gesehen werden und besonders von ihnen gefordert wird: Die Nachrichten einzuordnen, zu bewerten und die Hintergründe zu beleuchten.

Wer sich bisher über Geschäftsmodelle für Journalismus auf anspruchsvollem Niveau Gedanken gemacht hat, hat meistens die Trennlinie bei den Qualitätsansprüchen zwischen den Produkten gezogen. Es wurden etwa Produkte für sehr kleine Zielgruppen entwickelt, die diese Art von Journalismus so sehr goutieren, dass sie bereit sind, den angemessenen Preis dafür zu bezahlen. Daniel Bröckhoff nennt solche anspruchsvollen Projekte „Gourmettempel“. Leider zeigt sich, dass die Modelle häufig in der Realität nicht funktionieren. Zu wenig Anzeigen, zu wenige Leser.

Automatisierte Texterstellung: keine Einbußen bei der Textqualität

Es scheint, dass die Massenware in der Nachrichtenwelt zwar eigentlich zu teuer in der Herstellung ist, aber dennoch unverzichtbar bleibt. Also werden in den Redaktionen weiterhin Texte geschrubbt mit den oben genannten Folgen. Wenn also die Computer nicht nur Vorlagen, Datensätzen oder zusammengefasste Rechercheergebnisse ausgeben, sondern fertige Artikel produzieren könnten, dann würden das die Redaktionen entlasten und rentabler werden lassen. Um die Qualitätsverteidiger gleich zu beruhigen. Wenn die passenden Informationen strukturiert vorliegen, dann sind die maschinell gefertigten Artikel in der Regel qualitativ nicht schlechter als die den unter Zeitdruck heruntergerissenen Massenartikel. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Qualtätssicherung hier gut gesteuert werden kann. So könnte das Qualitätsniveau auch im Bereich der einfachen Nachrichtenartikel  nicht nur erhalten, sondern unter Umständen auch verbessert werden.

These 2: Automatisierte Texte können die Interessen der Leser individueller abbilden

Die redaktionelle Routine bei einfachen Nachrichtenartikeln ist darauf ausgerichtet, den Massengeschmack zu treffen. Das hat zur Folge, dass die Nachrichten nur die „wichtigsten“ Fakten enthalten, die für eine große Zielgruppe einen Nachrichtenwert hat. Die Berichte über den letzten Bundesligaspieltag sind ein gutes Beispiel dafür: Zielgruppe in den überregionalen Portalen ist der Fußballinteressierte im Allgemeinen. Berichtet wird relativ neutral und faktenorientiert, dabei spielen Details zu den einzelnen Mannschaften oder gar Spieler keine große Rolle (außer sie haben einen bundesliga-relevanten Nachrichtenwert). Einem Bayernfan wird ein solcher Artikel zu wenig Infos bieten.

Aber welche Redaktion schafft es, so viele Artikel zu schreiben, dass auch der Informationsbedarf kleinerer Zielgruppen gestillt wird? Bei der automatisierten Texterstellung wäre die Ausrichtung auf eine kleine Zielgruppe einfacher umzusetzen, denn die Detailtiefe ist individuell einstellbar. Die Auswertung der vorhanden Daten und die Auswahl der dazu passenden Details kann dem Fokus der Zielgruppe angepasst werden. Artikel für Bayernfans oder sogar Fans von Philip Lahm könnten ohne allzu großen Aufwand erstellt werden. Im Prinzip wäre es möglich, dass der Nachrichtenwert und die Detailtiefe auf die Ansprüche eines einzelnen Lesers abgestimmt werden, wenn dieser vorher seine Interessen angibt. Damit hat der Leser einen Mehrwert, den er sonst aus dem professionellen journalistischen Bereich nicht bekommt und den er vielleicht auch bezahlen würde: Ein Philip-Lahm-Fan muss sich bisher seine Infos und Details auf der eher marketingorientierten Websites des Spieler, des Vereins oder auf Fanseiten und -foren zusammentragen.

 These 3: Automatisierte Nachrichtenerstellung kann Nachrichtenlücken schließen

Ganz ähnlich ist der Fall gelagert, wenn der Leser Interessen hat, die für die Zeitungen oder größeren Online-Portale bisher keinen Nachrichtenwert haben. Ein Beispiel für einen solchen Bedarf gibt in der Debatte Stefan Niggemeier, der sich beschwert:

Ich lebe in Friedrichshain, einem Berliner Ortsteil mit 120.000 Einwohnern. Es gibt für diese Menschen de facto keinen Lokaljournalismus.

Natürlich interessiert nicht alle Berliner oder gar die Münchner regelmäßig, welche Probleme die Menschen in Friedrichshain aktuell haben oder welche Informationen sie brauchen, um sich in ihrem Viertel wohlzufühlen. Und deshalb verzichten die meisten Zeitungen auf solche „Hperlokalisierungen“. Denn für das regelmäßige Berichten und redaktionelle Nachrichtenaufbereiten ist die Zielgruppe in der Regel zu klein und der Aufwand zu groß. Auch hier könnte die Kombination von gut arbeitender Lokalredaktion und einer abgestimmten automatisierten Nachrichtenerstellung die rentabelste und leserorientierteste Lösung sein: Wer sich für Friedrichshain interessiert, bekommt die Artikel zu Straßensperren, Fußballspielen oder Straßenfesten aus der Textmaschine und die Hintergründe über die Abläufe bei der letzten Bürgerversammlung von einem gut informierten, professionell arbeitenden Lokalredakteur.

Automatisierte Nachrichtenerstellung ist die Ergänzung, nicht das Ende des Qualitätsjournalismus

Und das ist auch das Fazit meines Beitrags. Zum einen bin ich sicher, dass automatisiert erstellte Texte in guter sprachlicher und inhaltlicher Qualität produzierbar sind. Ich denke, dass hier noch ein großes Entwicklungspotenzial liegt – sowohl in der Technik, im Bereich der Textvielfalt und Zielgruppenausrichtung  als auch in den Einsatzmöglichkeiten. Allerdings haben solche Verfahren selbst natürliche Grenzen, über die das Vorhandensein strukturierter Daten entscheidet. Zwar kann eine Software automatisiert einfache Artikel über Erdbeben in bestimmten Regionen herstellen, aber keine Textmaschine hätte angemessen über das Verschwinden des Passagierflugzeugs MH370 in Südostasien berichten können, denn das Ereignis ist in keiner Datenbank festgehalten.

Ich denke auch, dass der Rückgriff auf solche Texte in der Zukunft zum Journalismus dazu gehören, aber eben nur als Ergänzung. Ohne die in der Debatte genannten Kernkompetenzen der Journalisten hat keine Zeitung eine Zukunft.

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3 Kommentare zu “Automatisierte News und die Debatte zur Zukunft der Zeitung”

  1. foertel  on März 18th, 2014

    „Was wäre also, wenn eine Maschine die Produktion des Billigsalzes übernehmen könnte, die sehr viel billiger produzieren könnte als ein menschlicher Journalist? Dann würden doch für die qualfizierten Handwerker zeitliche und finanzielle Ressourcen frei werden.“

    Die Realität zeigt im Bereich Automatisierung wohl ausreichend, dass eher beim Journalisten zeitliche und bei der Redaktion finanzielle Ressourcen frei werden. 😉

  2. Saim Alkan  on März 19th, 2014

    Ja, da ist schon was dran, nur fürchte ich, dass ohne Automatisierung unter Umständen noch mehr zeitliche Ressourcen bei den Journalisten frei werden, wenn nämlich zu viele Verlage aufgeben müssen…

  3. Erdbeben in LA löst automatisierte News aus – eine kleine Presseschau | text-gold.de  on März 26th, 2014

    […] ich das Fazit aller Journalisten erstaunlich positiv und differenziert. Der Tenor entspricht genau meinen Ausführungen über die Möglichkeiten automatisierter Nachrichtenerstellung: Die Software soll die Routine abnehmen und Freiräume für Kreativität und komplexere […]


Kommentare