Analyse: Das deutschsprachige Web 2.0 in der Berichterstattung um den Amoklauf

Die Berichterstattung um den Amoklauf von Winnenden spiegelte die deutsche Web 2.0 Entwicklung wider. Meine Analyse – nachdem ich den gesamten Tag die Berichterstattung auf allen Medienkanälen verfolgte – ist der Versuch einer ersten Momentaufnahme.
40.000 Nutzer hat Twitter in Deutschland. Ausserdem reichlich Blogger, die schnell und ohne den Ballast komplexer Strukturen Informationen in unterschiedlicher  Qualität verbreiten. (Die Bandbreite der Qualität ist groß) Und eine treue Fan-Gemeinde, die das Prinzip Web 2.0 lebt.
Auffallend ist:  Die „klassischen“ Medien haben nachgelegt. In einer Analyse über Google stellte ich fest, dass sie mit ihren Nachrichten kaum langsamer als die Blogger waren und sie nutzten darüber hinaus ihre Möglichkeiten mit Bewegtbild, Fotos und O-Tönen.

Seit den Attentaten von Mumbai folgen viele Redaktionen den „Tweets“ in Twitter, um schnell zu reagieren. So war es auch heute – kaum wurden die ersten Kurznachrichten über Winnenden gesendet, waren die Medien in Twitter aktiv.

Die Blogger spielten den Vorteil der treuen Leser und Kommentierer aus. Gegen 22.00 Uhr hatten rund 12 Stunden nach dem Attentat in den Blogs Hunderte von Kommentaren die Beiträge ergänzt, während in vielen Nachrichtenportalen die Leserbeteiligung immer noch nicht etabliert ist.
Für mich waren allerdings die Meldungen in Twitter dem Kurz-Nachrichten-Dienst die spannendste Entwicklung: Anwohner meldeten sich kurz nach Beginn des Amoklaufs in Twitter. Dabei waren viele Tweets eine Mischung aus Meldungen und persönlichen Gefühlsbekundungen.

Einigen professionell schreibenden Menschen mag die journalistische Distanz in diesen Ticker-Meldungen gefehlt haben. Aber das ist das Web 2.0-Prinzip – Privates und Öffentliches mischt sich. Als die etablierten Medien in Twitter aktiv wurden regte sich bei einigen Twitter-Journalisten der Widerstand. Sie forderten die Presse auf in Winnenden zu recherchieren und nicht in Twitter. Die Szene will wohl unter sich bleiben.

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9 Kommentare zu “Analyse: Das deutschsprachige Web 2.0 in der Berichterstattung um den Amoklauf”

  1. Jens  on März 12th, 2009

    Agree zum Thema Leserbeteiligung.
    Den letzten Satz würde ich aber gerne widersprechen. Wenn man Journalisten, die Twitter mit einer validen Informationsquelle vrwechseln, daran erinnert, wo valide Recherchen tatsächlich gemacht werden ist das keine Koketterie sondern wohl eher ein Zeichen für einen realistischen Umgang mit einem Medium, das von Journalisten offenbar völlig falsch eingeschätzt, deswegen falsch genutzt und aus den falschen Gründen gehyped wird.

  2. Saim Alkan  on März 12th, 2009

    Nicht das ein falsche Eindruck entsteht – die Presse wurde auf die valide Recherche von „freien“ Journalisten hingewiesen – niht von Privat-Twitterern.

  3. Ralf  on März 12th, 2009

    Zwei Dinge von meiner Seite:

    1. Persönliche Statements oder Befindlichkeiten zu veröffentlichen, ist gut und wichtig. Tatsächlich aber ging es in den ersten Stunden nach und während des Amoklaufs darum, Informationen darüber zu bekommen, was da eigentlich passiert. Da konnte Twitter naturgemäß nicht schneller, besser oder verbindlicher sein, als alle anderen Informationsquellen. Für mich gilt: erst mal muss die Information stimmen. Dann kann ich dazu einen Kommentar oder ein Statement abgeben. Dass hier Meinung und Information verwechselt werden, ist kein ausschließliches Problem der Journalisten, die sich darauf berufen, sondern es betrifft doch alle Leser.

    2. Ich bin grundsätzlich skeptisch, was die sogenannte sich selbstregulierende Moral im Web 2.0. anbelangt. Wenn sich einige Leute aus der Community aufmachen, um die Namensvettern von Tim K im Netz zu dissen oder zu denunzieren (siehe auch Bericht im ZDF heute journal vom 11.03.), dann erinnert mich das an eine Form von Lynch-Mob, die es in unseren aufgeklärten Breitengraden so nicht mehr geben sollte.

  4. Jim  on März 12th, 2009

    Amoklauf von Winnenden – Das Internet verplappert sich
    Zu deinem Artikel:
    Der Amoklauf von Winnenden fand auch live bei Twitter und anderen sozialen Netzwerken statt. Das zeigt deutlich: Egal, wo etwas Dramatisches passiert: Der Jedermann-Journalismus bringt Nachrichten sofort ins Internet. Ohne Rücksicht auf Rechte und Verluste.

    Hier der Stern-Artikel

  5. Adela  on März 12th, 2009

    Hallo Ralf,

    grundsätzlich teile ich deine Sorgen um Moral und professionelle Berichterstattung – und habe doch einige Anmerkungen:

    1) Du schreibst, dass Twitter „naturgemäß nicht schneller, besser oder verbindlicher sein kann, als alle anderen Informationsquellen“. Ich finde schon, dass Twitter naturgemäß schneller ist als alle anderen Informationsquellen: Keine Programmunterbrechungen, keine redaktionelle Aufarbeitung – sondern sofort publiziert. Schneller geht es nicht.
    Und es können durchaus relevante Informationen sein, die hier auftauchen.
    2) Es gibt keine selbstregulierende Moral im Web 2.0. Es gibt aber eine Vielfalt der Meinungen – die in gewisser Weise eine Regulierungsfunktion haben kann – zumindest für die nicht so ganz Verbohrten.

  6. Web Analytics Europa  on März 12th, 2009

    Vor allem beeindruckend (wenn das im Zusammenhand mit diesem Drama das richtige Wort ist) zu sehen, wie aktiv auf StudiVZ und SchülerVZ über den Amoklauf diskutiert wird.

    Anteilnahme und direkter Austausch finden also auch bei den „Gleichaltrigen“ statt.

  7. Web Analytics Europa  on März 12th, 2009

    Ich muss mich übrigens korrigieren. Da die Tat bereits einen Tag vorher fast im Detail angekündigt wurde, kann nicht von AMOK-Laf gesprochen werden, sondern vorsätzlichem Mord in 15 Fällen.

  8. Twitter im Unternehmen der aexea Projektleitfaden | text-gold.de  on Juli 13th, 2009

    […] Winnenden und Web 2.0  […]

  9. Best of text-gold 2009 | text-gold.de  on Januar 14th, 2010

    […] Platz 3: Analyse: Das deutschsprachige Web 2.0 in der Berichterstattung um den Amoklauf […]


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