Mich lässt es immer zusammenzucken: immer öfter wird die Bedeutung der Wörter “scheinbar” und “anscheinend” nicht mehr richtig verwendet. Mit dem Wort “anscheinend” drückt man die Vermutung aus, dass etwas so ist, wie es scheint. Bei “scheinbar” steht der Verdacht eines doppelten Bodens im Raum, es ist eben nicht so, wie es scheint.
Im Alltag hat sich das Wörtchen “scheinbar” mehr und mehr durchgesetzt. Eigentlich finde ich es ja nicht schlimm, wenn sich die Sprache verändert, aber in diesem Fall bin ich irritiert, weil mit diesen kleinen Wörtern sehr viel über die Haltung des Sprechenden zu einer Situation ausgedrückt wird. Und nun muss ich in diesem Zusammenhang oft raten, was der Sprecher oder Autor meint. Ist das nur ein Flüchtigkeitsfehler oder hat sich die Krankheit schon auf die sprachlich bewussteren Ebenen etabliert?
Machen es denn die Profis eigentlich richtig? Hier der News-Check – per Google in den News nach “scheinbar” gesucht:
Eindeutig, scheinbar schlüssig – und kaum zu widerlegen (tagesschau.de) Hier geht es um den Tod von Osama bin Laden und den dazu aufgekommenen Verschwörungstheorien. Ein Interview mit einem Experten. Der Kollege hat es richtig gemacht, denn der Satz:
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Verschwörungstheorien oft widersprüchlich sind: Willkürlich herausgegriffene Fakten dienen als “Beweise”. Zufälle werden bestritten.
zeigt, dass der Experte den Verschwörungstheorien mißtraut und glaubt, dass Sie eben nur eine dünne Decke an Glaubwürdigkeit haben. Er hält sie nicht wirklich für schlüssig.
Sahins Wechsel nach Madrid scheinbar beschlossene Sache (fruehnachrichten.de). Berichtet wird über den Wechsel von Fussballspieler Nuri Sahin von Borussia Dortmund zu Real Madrid. Nein, hier gibt es keine Verschwörung und die beiden erfolgreichen Clubs veranstalten auch kein Täuschungstheater. Die Verwendung ist hier FALSCH, vom Sinn her wäre anscheinend richtig: Es hat den Anschein als ob der Wechsel schon beschlossen sei.
Die nur scheinbar bewältigte Katastrophe (nzz.ch) Ein sehr schönes Beispiel für den eindeutigen Unterschied zwischen den beiden Wörtern. Setzen Sie mal hier probeweise das Wort “anscheinend” ein – das funktioniert nicht. Mit dieser Überschrift wird klar, dass der Autor der Meinung ist, die Katastrophe im Golf von Mexiko noch lange nicht bewältigt sei, auch wenn man es nicht wahrhaben will: “Doch die scheinbar so gut bewältigte Katastrophe ist nur ein oberflächlicher Eindruck.” Verwendung STIMMT also!
“Doch das Ex-Model musste sich in einem Interview scheinbar gewaltig zusammenreißen, die Baby-News nicht auszuplappern.” (sueddeutsche.de) Carla Bruni-Sarkozy, schwanger oder nicht? Hier heißt es genauer lesen und mir ist es nicht ganz klar, was der Autor letztendlich sagen will: Findet er, dass sich Carla Bruni-Sarkozy dem Anschein nach zusammenreißt und im Interview gerne über ein kleines Geheimnis gesprochen hätte oder vermutet er Schauspielerei bei der Präsidentengattin, die vorsätzlich mit dieser Geheimniskrämerei kokettiert?
Ganz klar wird das aus dem Artikel nicht. Was glauben Sie meint der Autor hier anscheinend oder scheinbar?
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